Walter Frankenstein

* Geboren 30. Juni 1924 (Flatow)
Porträt Walter Frankenstein
Walter ist acht Jahre alt, als das Geschäft seiner Eltern von SA-Mitgliedern zerstört wird. Um überhaupt noch zur Schule gehen zu können, zieht er nach Berlin und kommt in einem jüdischen Kinderheim unter. Dort trifft er auf die Liebe seines Lebens: Leonie. Die beiden heiraten und werden Eltern. 1943 tauchen sie zusammen mit ihrem kleinen Sohn unter und entkommen so dem sicheren Tod in einem der Vernichtungslager. Dank der Unterstützung anderer Menschen überleben sie den Nationalsozialismus in wechselnden Verstecken. Nach dem Krieg bauen sie sich ein gemeinsames Leben auf.
  • 30. Juni 1924
    Geburt
  • Juli 1936
    Umzug nach Berlin
  • 20. Februar 1942
    Heirat
  • 20. Januar 1943
    Uris Geburt
  • März 1943
    Untergrund
Symbolbild Kapitel 1
Kapitel 1
Walter verlor den Glauben an Gott.

Walter wurde am 30. Juni 1924 in Flatow geboren. Seine Eltern betrieben einen kleinen Lebensmitteladen mit angeschlossener Gaststätte. Die Familie gehörte zu der kleinen jüdischen Minderheit in Flatow. Walters Mutter stammte aus der Familie eines Rabbiners. Sie war sehr gläubig und streng, zog die Kinder aber liebevoll auf. Zuhause wurde koscher gekocht, das heißt nach den traditionellen religiösen jüdischen Regeln. Die Mutter erlaubte Walter jedoch, woanders auch mal Schinken oder Wurst aus Schweinefleisch zu essen. Walters Vater starb 1929 an den Folgen einer Grippeepidemie. Da war Walter erst vier Jahre alt.

Walter mit seinen beiden älteren Brüdern, 1934
Walter mit seinen beiden älteren Brüdern Martin und Manfred 1934 in Flatow

1933 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht im Deutschen Reich. Die christlichen Freund/-innen zogen sich von Walter zurück, durften oder mochten nicht mehr mit ihm spielen. Walter wäre auch gerne mit dem Jungvolk trommelnd durch die Straße marschiert. Aber das war nicht erlaubt – er wurde ausgeschlossen, weil er jüdisch war. Walter war neidisch auf die anderen Kinder.

Als er am 1. April 1933 mitansehen musste, wie SA-Mitglieder das Geschäft seiner Eltern bedrohten, verlor er den Glauben an Gott.

Videosequenz mit Walter Frankenstein

Was war der sogenannte Judenboykott?

Der 1. April 1933 war nicht nur für Walter, sondern für viele jüdische Menschen ein einschneidender Tag. Es fand die erste größere Aktion der Nationalsozialisten gegen die jüdische Bevölkerung seit ihrer Machtübernahme am 30. Januar 1933 statt. Aber auch vorher war es schon zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen.

Außerdem wurden immer mehr Gesetze beschlossen, um Juden und Jüdinnen aus der Gesellschaft auszugrenzen. Dazu gehörte das sogenannte Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, durch das viele jüdische Menschen nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten durften. Im Ausland reagierte man entsetzt darauf, vor allem in England und den USA. Dort rief man dazu auf, keine deutschen Produkte mehr zu kaufen. Die Nationalsozialisten reagierten auf diese Proteste mit einem Boykott jüdischer Geschäfte: Sie verboten dort einzukaufen!

Kolonialwarengeschäft Frankenstein, 1929
Das Kolonialwarengeschäft Frankenstein: Über dem Laden ist das Fenster, aus dem Walter den SA-Mann beobachtete.

Walters Familie war davon unmittelbar betroffen. Seine Mutter betrieb ein kleines Geschäft in Flatow, in dem an diesem Sonnabend keiner einkaufen durfte. SA-Mitglieder beschmierten die Hauswand und ein SA-Mann schoss sogar mit seiner Pistole in das Geschäft. Der kleine Walter beobachtete das aus dem Fenster. Für ihn war es ein Schock. Was war plötzlich geschehen mit seiner Heimatstadt?

Walters ältere Brüder Martin und Manfred wanderten nach Palästina aus. Walter war dafür noch zu klein. Außerdem konnte er seine Mutter nicht allein zurücklassen. Sie hatte den Laden und die Gastwirtschaft und wollte ihre Heimat nicht verlassen.

Welche Folgen hatten die antisemitischen Gesetze für Walter?

Im September 1935 beschlossen die Nationalsozialisten die Nürnberger Gesetze. Darin teilten sie die Menschen in »Deutschblütige« und in ihren Augen weniger wertvolle Menschen ein. Juden und Jüdinnen, Roma und Sinti sowie schwarzen Menschen galten nicht mehr als gleichwertige Bürger/-innen.

Schon ab 1933 gab es Gesetze, die verhindern sollten, dass jüdische Kinder öffentliche Schulen besuchten. Offiziell verboten wurde es ihnen erst 1938. Aber schon 1936, als Walter die Volksschule beendet hatte, war klar, dass seine Mutter keine neue Schule für ihn finden würde. In Flatow gab es keine jüdische Schule. In der näheren Umgebung auch nicht.

Walter war begabt. Er wollte Architekt werden und benötigte dafür eine höhere Schulbildung. Was tun? Aber Walters Mutter hatte eine Idee: Walters Onkel Selmar lebte in Berlin. Und in Berlin gab es viele jüdische Schulen. Durch Kontakte gelang es Selmar, für Walter einen der heißbegehrten Plätze im Auerbach'schen Waisenhaus zu bekommen.

Schild eines jüdischen Arztes, vermutlich 1939
Das Schild eines jüdischen Arztes, der nur noch jüdische Patient/-innen behandeln durfte, 1939

Walters Onkel Selmar war Sanitätsrat. Er hatte im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Reich gekämpft und das Eiserne Kreuz als Kriegsauszeichnung erhalten. Er betrachtete sich als »deutschnational«. Für die Nationalsozialisten hatte er nur Verachtung übrig. Bald durfte Selmar sich nur noch »Krankenbehandler« nennen und ausschließlich jüdische Patient/-innen behandeln. Im Jahr 1942 wurde Selmar Frankenstein in das Ghetto Theresienstadt in der Nähe von Prag deportiert. Dort nahm er sich kurz nach der Ankunft das Leben.

Eine Oase in Berlin
Gruppenbild vor dem Waisenhaus, 1937
Gruppenbild vor dem Auerbach'schen Waisenhaus, 1937: Walter steht ganz rechts mit seiner Kamera um den Hals.

Das Auerbach'sche Waisenhaus war ein Heim für Kinder ohne Eltern. Es wurde 1833 von dem Lehrer Baruch Auerbach gegründet. Seit 1897 befand es sich an der Schönhauser Allee 162 im Bezirk Prenzlauer Berg. Schräg gegenüber lagen ein jüdischer Friedhof und ein jüdisches Seniorenheim. Auch die Synagoge in der Rykestraße war nicht weit weg und es gab auch mehrere jüdische Schulen in der Nähe.

Walter kam in die III. Volksschule und war begeistert von den Lehrer/-innen, vor allem von seiner Klassenlehrerin Erna Samuel. Auch im Heim fühlte er sich sehr wohl. Es gab viele Sport- und Freizeitaktivitäten. Er spielte mit anderen Kindern und fand schnell Freund/-innen. Das Auerbach'sche Waisenhaus bot Walter Schutz.

Videosequenz mit Walter Frankenstein

Walter liebte es, Sport zu machen

Walter war sportbegeistert. In seiner Freizeit spielte er lieber Fußball als dass er Bücher las. Er boxte, spielte Handball, betrieb Leichtathletik, im Hochsprung war er ein Ass. All das war im Auerbach'schen Waisenhaus möglich.

1936 fanden in Berlin die Olympischen Spiele statt. Onkel Benno war extra angereist, um gemeinsam mit Walter dieses Sportereignis zu besuchen. Walter schaute sich von den erfolgreichsten Hochspringern die beste Technik ab und erlebte mit, wie der afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens eine seiner Goldmedaillen gewann. Beim Sportfest sprang Walter dann höher als die meisten Jungen in seiner Altersklasse. Aber die Leistungen von jüdischen Sportler/-innen wurden damals im Deutschen Reich nicht anerkannt.

Walter beim Hochsprung, etwa 1939 bis 1941
Walter beim Hochsprung auf dem Sportfest im Auerbach'schen Waisenhaus, etwa 1939 bis 1941
Kampfsport, um die Angst zu verlieren

Als Kind lernte Walter eine für ihn sehr wichtige Sportart kennen. In Flatow brachte ihm ein Polizist die japanische Kampfsportart Jiu Jitsu zur Selbstverteidigung bei. Dadurch lernte Walter, in gefährlichen Situationen ruhig zu bleiben und keine Angst zu haben. Diese Fähigkeit wurde wenig später sehr wichtig für ihn. Als Walter während des Krieges untertauchen musste, gab es fast täglich Situationen, in denen er keine Angst haben durfte.

Symbolbild Kapitel 2
Kapitel 2
Walter war verliebt, aber es wurde immer schlimmer.

Im Sommer 1938 endete die Schule für Walter. Eigentlich wollte er Architekt werden. Das war jüdischen Menschen aber nicht mehr erlaubt. Er begann eine Lehre zum Maurer. Viele Juden und Jüdinnen sahen für sich im Deutschen Reich keine Zukunft mehr und planten, nach Palästina auszuwandern. Dort waren praktische Fähigkeiten wichtig. Es wurden Handwerker/-innen und Arbeiter/-innen in der Landwirtschaft gesucht.

Walter wohnte weiterhin im Auerbach'schen Waisenhaus. Am 9. November 1938 drangen SA-Leute und weitere Männer in das Gebäude und drohten es anzuzünden. Die Erzieherin Ilse Löwenstern und vier der älteren Jungen stellten sich ihnen in den Weg. Einer davon war Walter. Es gelang ihnen, die Männer davon zu überzeugen, das Gebäude, in dem dutzende kleiner Kinder schliefen, nicht in Brand zu stecken. Für Juden und Jüdinnen wurde die Situation im Deutschen Reich immer unerträglicher.

Walter und seine Freunde im Auerbach'schen Waisenhaus, 1938
Walter (links) und seine Freunde im Auerbach'schen Waisenhaus, 1938: Neben ihm sitzt Rolf Rothschild, der wenig später nach Schweden auswanderte. Walter folgte ihm 1956 dorthin.

Was waren die Novemberpogrome?

Walter lebte im Waisenhaus bis zur sogenannten Reichspogromnacht relativ geschützt vor dem Terror der Nationalsozialisten gegen die jüdische Bevölkerung. Das änderte sich am 9. November 1938. SA-Männer stürmten in das Gebäude und rannten in den Gebetsraum. Sie löschten die Flamme des ewigen Lichts, das hier in einer Gaslampe brannte. Gas strömte aus der Lampe. Aber sie wurden daran gehindert, das Gas zu entzünden.

Videosequenz mit Walter Frankenstein

Ähnliches geschah in dieser Nacht im gesamten Deutschen Reich. Von den 14 großen Synagogen in Berlin wurden 11 niedergebrannt. Im ganzen Deutschen Reich waren es weit über tausend. Es wurden tausende Geschäfte jüdischer Inhaber/-innen, Wohnungen und soziale Einrichtungen zerstört und geplündert. Etwa 30.000 jüdische Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt und gefoltert.

Passant/-innen am Morgen nach der Pogromnacht in Berlin, 1938
Passant/-innen schauen sich auf der Potsdamer Straße 26 in Berlin-Tiergarten die Schäden der beiden Geschäfte an, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstört wurden.

Es war das bis dahin größte Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. Die Gewalt gegenüber Juden und Jüdinnen steigerte sich und die meisten nicht-jüdischen Deutschen waren damit einverstanden. Auch von Seiten der Kirchen kam wenig Kritik.

Walter traf Leonie

Drei Jahre später: Walter hatte seine Maurerlehre beendet – und er war zum ersten Mal verliebt. Leonie war drei Jahre älter als er und arbeitete als Erzieherin im Auerbach'schen Waisenhaus. Für Walter war es Liebe auf den ersten Blick. Sie sahen sich immer öfter, sprachen über Gott und die Welt, und manchmal tanzten sie sogar auf den Tischen in der großen Küche. Sie wollten zusammenleben. Aber vorher mussten sie heiraten. Am 20. Februar 1942 war die Hochzeit, elf Monate später bekamen sie ihren ersten Sohn, Uri.

Leonie Kranz mit ihrem Stiefvater Theo, 1937
Leonie Kranz mit ihrem Stiefvater Theo in einem Leipziger Freibad. Das Foto wurde vier Jahre bevor sich Walter und Leonie kennengelernt haben aufgenommen.

Eine jüdische Hochzeit

In seiner Biografie beschreibt der jüdische Schriftsteller Peter Edel seine Hochzeit 1941 auf einem Standesamt in Berlin. Walter sagt, seine Hochzeit sei genauso gewesen:

»Das Zimmer mit den Flügeltüren, der glatt polierte mächtige Eichentisch an der Stirnwand, das Führerbild – wir sehen es gleich beim Eintreten und schaudern etwas, daß wir so direkt davor auf den Sesseln Platz nehmen sollen, können, dürfen. Der Mann hinterm Tisch, eine Kneipenfresse, blättert geschäftsmäßig in dem vor ihm liegenden Aktenstoß, schaut nicht auf, murmelt Namen, Adressen, Formeln vor sich hin, lang gewohnt, fragt wiederum ohne aufzusehen, ob die Angaben wahrheitsgemäß gemacht worden seien.

[...] Also fragt er, also blickt er uns endlich an, der Mann mit dem Glatzkopf und dem Parteiabzeichen am Rockaufschlag. Blickt hoch und – erstarrt. Es ist nicht der erwartet flüchtige Blick. Er wendet die wasserhellen Augen nicht ab von uns. Stiert uns an, ungläubig zunächst, wie verwirrt, als könne er den zu Trauenden und sich selbst nicht ganz trauen. Sieht uns eine Ewigkeit ins Gesicht.

[...] Was hat der Mann? Was ist ihm los? Der hat ja – wir täuschen uns nicht – auf einmal etwas Seltsames in den Augen. Der Kerl mit dem Hakenkreuz, der ›alte Kämpfer‹ – der tupft sich mit den Fingern an die Lider?

Wir unterschreiben automatisch. Denken gar nicht mehr an die Besiegelung, die wir vollziehen, rätseln nur. Hat der Beamte vielleicht erwartet, zwei Fratzen zu erblicken, wie er sie aus Streichers ›Stürmer‹-Hetzblatt kennen mag? Ist er verdutzt, daß zwei normale junge Menschen, vor ihm sitzen, nicht schlecht aussehende Menschen, und das nunmehr durch seine Mithilfe zur Ehefrau gewordene Mädchen sogar eine kleine Schönheit? War er denn nie zuvor mit solchen Leuten zusammen, daß ihn plötzlich Betroffenheit überkommt? Oder hat er einfach noch etwas Herz bewahrt?

Weiß er mehr von dem, was uns beide erwartet, oder ist ihm der Gedanke durch den Kopf geschossen, daß mit ›seinem‹ Deutschland etwas nicht stimmen könne, wenn... Wir finden keine Antwort, haben sie nie gefunden [...].«

Peter Edel (1979): Wenn es ans Leben geht, Berlin, S. 206ff.

Peter Edel: Wenn es ans Leben geht, Berlin 1979
Die beiden Bücher, in denen Peter Edel seine eigene Lebensgeschichte erzählt, Berlin 1979

Walter erlebte die Deportation seines Cousins mit

Ab 1933 waren viele Juden und Jüdinnen – meist unter Verlust ihres gesamten Besitzes – ins Ausland ausgewandert. Allerdings waren nur wenige Länder waren bereit, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Man brauchte Kontakte und Geld. Und viele konnten sich nicht vorstellen, ihr Zuhause zu verlassen, ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Familie.

Im Oktober 1941 wurden die ersten Juden und Jüdinnen aus Berlin mit Zügen in Ghettos im Osten Europas deportiert. Der Einsatz als Zwangsarbeiter/-in in einem Rüstungsbetrieb oder in anderen kriegswichtigen Betrieben bot teilweise noch einen gewissen Schutz vor der Deportation.

Fritz

Walters Cousin Fritz war unter den ersten Menschen, die 1941 aus Berlin deportiert wurden. Das war kein Zufall. Zwei Jahre zuvor war er nach England geflohen, aber kurze Zeit später aus Heimweh wieder in das Deutsche Reich zurückgekehrt. Er wurde von den Nationalsozialisten nicht nur verfolgt, weil er jüdisch war, sondern auch weil er als Journalist für eine sozialdemokratische Zeitung gearbeitet hatte.

Von den Deportationen aus Berlin sind keine Fotos überliefert. Hier kannst Du Dir einen Film von der Deportation jüdischer Menschen aus der Stadt Bruchsal am 22. Oktober 1940 in das Lager Gurs in Frankreich ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=5kYk1Q0LcTI.

Walter glaubte, dass Fritz, der ein Jahr später tot war, Zwangsarbeit leisten musste. Die erniedrigenden Umstände der Deportation prägten sich Walter tief ein. Für Walter und Leonie war klar: Sie würden sich nicht verschleppen lassen: »Nicht mit uns!«

Fotos unterstützen die Erinnerung

Walter bekam als Jugendlicher von seiner Mutter eine Kamera geschenkt. Er fotografierte sehr gern und machte viele Bilder. Ende 1942 legte Walter alle Fotos, die er besaß, in eine Blechdose. Er steckte die Dose in eine wasserdichte Hülle und fuhr mit der S-Bahn zum Grunewald. Dort suchte er sich eine möglichst verlassene Stelle und vergrub sie im Waldboden.

In einer solchen Blechdose hat Walter seine Fotos 1942 vergraben.
In einer solchen Blechdose hat Walter seine Fotos 1942 vergraben.

Nach Kriegsende wartete Walter noch ein wenig ab. Im Juli 1945 machte er sich aber an die Arbeit. Er fand die Stelle und war nach knapp drei Jahren wieder im Besitz der Blechdose mit ihrem für ihn so wertvollen Inhalt. Das war ein Schatz – nicht nur für Walter wegen der vielen persönlichen Erinnerungen, die durch die Fotografien bewahrt wurden, sondern auch für Historiker/-innen.

Einige Fotos zeigen Gebäude, von denen es sonst keine anderen Aufnahmen mehr gibt. Irgendwann klebte Walter die Bilder in Fotoalben und schmiss die Blechdose weg. Im Jahr 2008 schenkte er seine Fotoalben dem Jüdischen Museum Berlin, wo alle Interessierten sie sich im Archiv oder online anschauen können.

Symbolbild Kapitel 3
Kapitel 3
Walter musste fliehen, aber wusste nicht wohin.

Anfang 1943 arbeiteten noch etwa 15.000 Juden und Jüdinnen als Zwangsarbeiter/-innen in Berlin, darunter Walter und Leonie. Während Walter Reparaturarbeiten für das Reichssicherheitshauptamt durchführte und Bunker für die Sicherheitspolizei baute, wurde Leonie in verschiedenen Fabriken eingesetzt.

Was war die »Fabrikaktion«?

Die nationalsozialistische Führung hatte das Ziel, Berlin »judenfrei« zu machen. Daher sollten auch die dort noch beschäftigten jüdischen Zwangsarbeiter/-innen deportiert werden und unter anderem durch Kriegsgefangene ersetzt werden. Die jüdischen Zwangsarbeiter/-innen sollten in den Fabriken während der Arbeitszeit festgenommen werden. Daher wurde diese Massenverhaftung »Fabrikaktion« genannt.

Die »Fabrikaktion« begann am 27. Februar 1943. Drei Tage später schrieb Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch, dass etwa 4.000 der Gesuchten sich ihrer Verhaftung entziehen konnten. Zwei von ihnen waren Walter und Leonie! Leonie wurde zwar verhaftet, kam aber wieder frei, weil sie gegenüber der Gestapo behauptete, einen Rückstellungsschein zu haben, das heißt von der »Fabrikaktion« ausgenommen zu sein. Walter arbeitete nicht in einer Fabrik, sondern auf Baustellen. Daher gehörte auch er nicht zu den Verhafteten.

Videosequenz mit Walter Frankenstein

Jetzt mussten sie sich verstecken! Aber sie waren nicht gut vorbereitet. Es war ihnen nicht möglich, vorher Lebensmittel zu sammeln oder Geld anzusparen. Und sie hatten ein sechs Wochen altes Kind. Wohin sollten sie fliehen?

Sie packten also ihre wichtigsten Sachen zusammen, einige Windeln und die letzten Lebensmittelkarten. Auf getrennten Wegen fuhren sie mit dem Zug zu Leonies Eltern nach Leipzig.

Einer der Helfer/-innen: Theo Kranz

Als Walter und Leonie im März 1943 zu Leonies Eltern nach Leipzig flohen, war ihnen klar, dass sie die Hilfe anderer Menschen brauchten, um zu überleben. Einer davon war Theo Kranz, der zweite Mann von Leonies Mutter Beate, also ihr Stiefvater. Beate war jüdisch und Theo nicht. Die Nationalsozialisten nannten das abwertend »Mischehe«. Jüdische Menschen, die mit nicht-jüdischen Menschen verheiratet waren, wurden zunächst nicht deportiert und waren für eine kurze Zeit noch relativ geschützt.

In die Schweiz oder mit dem Kanu über die Ostsee?

Da Theo kein Jude war, konnte er frei reisen. Er fuhr an die Grenze zur Schweiz, um zu prüfen, ob Walter und Leonie dort das Deutsche Reich heimlich verlassen können. Ebenso reiste er an die Ostsee, um auszukundschaften, ob von dort aus eine Flucht in Richtung Skandinavien möglich war. Aber alles war zu gefährlich. Die deutschen Grenzen wurden scharf bewacht. Walter und Leonie mussten diese Pläne aufgeben.

Theo war mutig. Nachdem seine Frau, also Leonies Mutter Beate, deportiert worden war, fuhr er sogar nach Auschwitz, um ihr Lebensmittel und Kleidung zu bringen. Als er wenig später die Nachricht erhielt, dass seine Frau »verstorben« sei, veröffentlichte er eine Todesanzeige in der Zeitung. Auch das war eigentlich verboten. Leonie versteckte sich fast ein halbes Jahr bei ihren Eltern, bevor sie nach Berlin zurückkehrte.

Leonies Mutter Beate Kranz mit ihrem Ehemann Theo Kranz, 1941
Leonies Mutter Beate Kranz mit ihrem Ehemann Theo Kranz, 1941

Hilfe von Zeugen Jehovas

Walters Schwiegervater Theo kannte viele Menschen, die dem nationalsozialistischen Regime kritisch gegenüber eingestellt waren. Darunter waren auch Freund/-innen, die zu den Zeugen Jehovas gehörten, die damals auch Bibelforscher genannt wurden. Sie verweigerten den Hitlergruß, den Militärdienst und die Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie. Daher sahen die Nationalsozialisten Jehovas Zeugen als Feind/-innen an und verfolgten sie.

Aus christlicher Nächstenliebe halfen Zeugen Jehovas auch anderen Verfolgten. Das wusste Theo. Deshalb bat er 1943 einen Zeugen Jehovas um Hilfe. Der Tischler ging ein großes Risiko ein. Einen jüdischen Menschen zu verstecken – darauf stand damals eine hohe Strafe. Walter arbeitete dort aus Dankbarkeit mit und verdiente sich etwas Geld.

Kennzeichnung der Häftlinge in den Konzentrationslagern
Kennzeichnung der Häftlinge in den Konzentrationslagern: In der vierten Spalte sind die lilafarbenen »Winkel« für die Zeugen Jehovas zu sehen.

Aber schon bald fingen die Nachbar/-innen an zu tuscheln. Walter fiel auf, denn die meisten jungen Männer waren als Soldaten im Krieg. Warum Walter nicht? Er fuhr im Frühjahr 1943zurück nach Berlin, schlief im Wald, in Häuserruinen und auf Trümmergrundstücken, wochenlang in einem abgestellten Auto, in einer Baubude und fuhr nachts viel Straßenbahn. Aber der Winter würde kommen. Er brauchte eine feste Bleibe!

Eine weitere Helferin: Edith Berlow

In Berlin gab es eine Person, die ihm helfen konnte: Edith Berlow. Sie war die Freundin von Walters Cousin Kurt und sie war nicht jüdisch. Die beiden durften aufgrund der Nürnberger Gesetze eigentlich kein Paar sein. Die Nationalsozialisten nannten das »Rassenschande«.

Aber Edith hasste die Nationalsozialisten und sie war eine sehr mutige Frau. Sie war Teil der Widerstandsgruppe Gemeinschaft für Frieden und Aufbau, die Flugblätter gegen das nationalsozialistische Regime verbreitete. Und sie versteckte ihren Freund Kurt und auch Walter und viele andere Menschen. Für Walter fand sie ein Versteck bei einem Freund, Arthur Ketzer.

Edith Berlow half vielen Juden und Jüdinnen.
Edith Berlow half vielen Juden und Jüdinnen, darunter auch der Familie Frankenstein und Walters Cousin Kurt Hirschfeld, den sie später heiratete.

Arthur Ketzer besaß eine Arzneimittelfabrik. Walter konnte auf dem Fabrikgelände untertauchen. Auch Arthur half mehreren jüdischen Menschen zu überleben.

Sowohl Edith Berlow als auch Arthur Ketzer wurden später von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern gewürdigt. Das ist eine Auszeichnung für nicht-jüdische Menschen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Juden und Jüdinnen zu retten.

Symbolbild Kapitel 4
Kapitel 4
Walter fütterte Chow-Chows und verkaufte Weinflaschen.

Auf dem Farbikgelände von Arthur Ketzer baute Walter sich einen Luftschutzkeller aus. In diesem Versteck fand er etwa acht Monate Zuflucht, bis die Fabrik durch eine Fliegerbombe zerstört wurde. Aber er brauchte auch etwas zu essen. Die Menschen, die er während dieser Zeit aufsuchte, halfen ihm ein wenig aus.

Außerdem konnte Walter für verschiedene Leute inoffiziell arbeiten. Jetzt war es von großem Nutzen, dass er eine praktische Ausbildung als Maurer gemacht hatte. Walter übernahm Reparaturarbeiten nach Bombenangriffen. Er klebte Plakate für den Zirkus Busch, arbeitete als Fensterputzer und versorgte die Chow-Chows einer Hundezucht in Spandau. Bis ihm ein peinlicher Fehler unterlief, arbeitete er auch als Filmvorführer.

Chow-Chow
Ein Chow-Chow: Walter fütterte viele dieser Hunde und hat sie auch aus dem Feuer gerettet, als die Hundezucht von einer Bombe getroffen wurde.
Videosequenz mit Walter Frankenstein

Einmal entdeckte Walter einen verlassenen Weinkeller. Die teuren Weinflaschen verkaufte er heimlich oder tauschte sie gegen Lebensmittel. Seine Familie sah er nur selten. Leonie hatte sich durch einen Trick eine andere Identität besorgt. Sie lebte mit ihrem Sohn getarnt als »Ausgebombte«, also als Person, deren Wohnung durch Bomben zerstört wurde, auf einem Bauernhof.

Gelegentlich fuhr sie nach Berlin, um Walter zu sehen. Da wurde Leonie wieder schwanger. Als sie zum zweiten Mal Mutter wurde, ließ sie sich unter falschem Namen in ein Krankenhaus einweisen. Walter erfuhr erst viele Wochen später davon, dass er wieder Vater geworden war. In Berlin fielen Bomben. Als Walter einmal wieder ein Versteck verloren hatte, half ihm eine Bordellbetreiberin. Sie nahm ihn auf, verlangte aber viel Geld dafür.

Der Alltag eines Untergetauchten

Der Alltag eines versteckt lebenden Menschen war furchtbar kompliziert. Hier ein Beispiel: Normalerweise geht man in ein Geschäft, um sich Schnürsenkel zu kaufen. In Kriegszeiten benötigte man dafür eine Kleiderkarte, die man im Laden vorzeigen musste.

Walter hatte keine solche Karte. Aber auch seine Schnürsenkel konnten reißen. Für eine Person, die im Versteck lebte, war es wichtig, nicht aufzufallen und ordentlich gekleidet zu sein. Da Walter oft in verlassenen Häuserruinen, wo es kein fließendes Wasser gab, übernachtete, war dies schwierig. Für ihn war es mit großen Anstrengungen verbunden, gepflegt auszusehen und so aufzutreten, als führe er ein Leben wie alle anderen.

Kaputte Schuhe waren ein großes Problem

Nach monatelangem Umherstreifen waren Walters Schuhe kaputt. Sie hatten große Löcher. Edith riet ihm, ihren Schwager, Hans Söhnker, um Hilfe zu bitten. Hans Söhnker war einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler in den 1930er- und 1940er Jahren, der damals vielen Menschen half. Er schickte Walter zu einer Schusterei, um dort seine Paar Schuhe abzuholen, die Walter dann behalten durfte. Walter war wieder einmal für kurze Zeit gerettet.

Autogrammkarte von Hans Söhnker
Autogrammkarte von Hans Söhnker: Auf Walters Initiative hin wurde Hans Söhnker 2018 als Gerechter unter den Völkern gewürdigt. Das ist eine Auszeichnung für nicht-jüdische Menschen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Juden und Jüdinnen zu retten.

Schlafen in der Oper

Walter schlief 1943 und 1944 oft auf Trümmergrundstücken, in schäbigen Kellern von Ruinen oder sogar im Wald. Bei jedem Geräusch wachte er auf. Er war häufig todmüde. Da entdeckte er Theater und Opernhäuser für sich. Dort saß er relativ gemütlich im Warmen und Dunklen und war ungestört. Diese Stunden nutzte Walter, um zur Ruhe zu kommen und zu schlafen. In einem Notizbuch trug er sorgfältig alle besuchten Opern und Theatervorstellungen ein. In mancher Woche war er täglich bei kulturellen Veranstaltungen, vor allem um zu schlafen.

Walters Notizbuch der Theater- und Opernbesuche 1944
In ein Heft trug Walter 1944 alle Theater- und Opernbesuche ein.
Eine Kontrolle in der S-Bahn

Einmal war Walter so müde, dass er in der S-Bahn einschlief. Als die Kontrolle kam, war es zu spät. Walter konnte sich nicht ausweisen. Er wurde von einem Militärpolizisten abgeführt und sollte auf ein Polizeirevier gebracht werden. Walter wusste sich nicht mehr zu helfen. Er sagte dem Mann die Wahrheit.

Videosequenz mit Walter Frankenstein

Walters Verstecke in Berlin

Die Wohnorte:

A. Auerbach'sches Waisenhaus, Schönhauser Allee 162
B. Tresckowstraße 27 (heute: Knaackstraße 27)
C. Linienstraße 7

Die Verstecke:

1. Menzelstraße 9 (bei Edith Berlow) – Frühjahr 1943
2. Koenigsallee 23 (bei Arthur Ketzer) – Sommer 1943 bis Februar 1944
3. Wielandstraße 7 (leere Wohnung) – Dezember 1943 bis Januar 1944
4. Baubude in Schöneberg – Februar 1944
5. Abgestelltes Auto Koenigsallee 24 – Spätwinter 1944
6. Emser Straße 16 (bei Sophie Döring) – Spätsommer 1944
7. Blumenstraße 9 (bei Mary) – November 1944 bis Januar 1945
8. Curthdamm 4 (leere Wohnung) – Januar 1945 bis April 1945
9. U-Bahnhof Kottbusser Tor – April 1945

Stadtplan von Berlin, 1940
Stadtplan von Berlin, 1940, mit den Wohnorten (A-C) und den Verstecken von Walter (1-9)

Bombenangriffe auf Berlin

Walter und Leonie erlebten die vielen Angriffe auf Berlin unterschiedlich. Beide wussten, dass die Bombardierungen notwendig waren, um die Nationalsozialisten und Hitler zu besiegen. Leonie hatte sich unter falschen Namen eine Bescheinigung besorgt, die besagte, dass ihre Wohnung ausgebombt worden sei. Dadurch gelang es ihr, sich und die Kinder auf dem Land in Sicherheit zu bringen.

Walter durfte während des Fliegeralarms nicht in die Luftschutzkeller. Er konnte jedoch durch die menschenleeren Straßen laufen und musste keine Angst davor haben, entdeckt zu werden. Wenn die Scheiben eines Geschäfts zu Bruch gegangen waren, versorgte er sich mit Lebensmitteln. Noch heute erinnert er sich an diese für ihn wichtigen Momente, in denen er sich frei fühlte. Die Bomben zerstörten aber auch Walters Verstecke. Immer wieder musste er sich einen neuen Unterschlupf in den Häuserruinen suchen.

Bombenpass, 1944
Einen Bombenpass erhielten Menschen, die bei Luftangriffen ihre Wohnung verloren hatten. Dieser Pass ist aus Bielefeld. Die in Berlin ausgegebenen Pässe sahen möglicherweise anders aus.

So erlebte Walter die Befreiung

Ende 1944 kam Leonie auch wieder nach Berlin. Sie verließen die Wohnung, in der sie sich versteckt hielten, nur selten und mussten hungern. Aber das Kriegsende war in Sicht. In diesen letzten Monaten wollten sie nicht noch sterben.

Im April 1945 suchten Walter und seine Familie während der Häuserkämpfe in den Straßen Berlins Schutz im U-Bahnhof Kottbusser Tor, gemeinsam mit vielen anderen Berliner/-innen. Dieser Zeitungsartikel erschien im Mai 2020 zum 75. Jahrestag des Kriegsendes. Hier erzählt Walter über die Stunden der Befreiung, nachdem er sich fast 26 Monate lang verstecken musste.

Artikel zum 75. Jahrestag des Kriegsendes
Artikel zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in der Tageszeitung taz, Mai 2020
Symbolbild Kapitel 5
Kapitel 5
Walter setzt sich dafür ein, dass die Ermordeten nicht vergessen werden.

Walter und seine Familie erlebten die Befreiung durch die Rote Armee im April 1945 in Berlin.
Sie wollten nach Palästina auswandern, wo auch schon zwei ältere Brüder von Walter lebten. Nach einer Irrfahrt kam Walter erst zwei Jahre später in der Hafenstadt Haifa an, wo Leonie und die Kinder schon auf ihn warteten. Dort halfen sie dabei, den neugegründeten Staat Israel aufzubauen.

Walter, Leonie und die Kinder Michael und Uri 1949 in Tel Aviv
Walter, Leonie und die Kinder Michael und Uri 1949 in Tel Aviv

Aber auf Dauer war es ihnen dort zu heiß. Walters Gesundheit spielte nicht mehr mit. Sie zogen 1956 nach Schweden. Mit über vierzig Jahren wurde Walter dort Student. Er ließ sich zum Ingenieur ausbilden. Unter den Nationalsozialisten war es ihm unmöglich gewesen, Architekt zu werden. Jetzt endlich hielt er einen Hochschulabschluss in Händen!

Als sie in Rente waren, reisten Walter und Leonie viel, sie wurden Großeltern und Urgroßeltern. Im Jahr 2009 starb Leonie. Sie und Walter hatten 68 Jahre zusammengelebt. Seit ihrem Tod ist Walter wieder häufiger in Berlin und setzt sich dafür ein, dass ihrer beider Geschichte nicht vergessen wird.

Auf Walters Initiative sind zahlreiche Erinnerungsorte entstanden

Walter und Leonie verloren viele Familienangehörige und Freund/-innen: Ihre Mütter wurden von den Nationalsozialisten ebenso ermordet wie Walters Onkel und seine Tanten Selmar und Ottilie. Walter setzt sich dafür ein, dass an diese Menschen erinnert wird. Auf seine Initiative hin entstanden viele Erinnerungsorte in Berlin. Informationstafeln und Gedenkstelen wurden aufgestellt, Plaketten an Hauswänden angebracht, Stolpersteine in Bürgersteigen verlegt, damit sich Menschen daran erinnern, was vor vielen Jahrzehnten geschehen ist.

Auch am ehemaligen Auerbach'schen Waisenhaus, wo Walter lebte, entstand ein Gedenkort in Erinnerung an die Kinder und Erzieherinnen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

Walter Frankenstein am Erinnerungsort Auerbach'sches Waisenhaus
Walter Frankenstein am 26. Juni 2014 bei der Einweihung des Erinnerungsortes

Ganz wichtig war für Walter die Ehrung seiner Lehrerin Erna Samuel, die 1942 zusammen mit den letzten Kindern aus dem Auerbach'schen Waisenhaus nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Die Straße in der Nähe des Güterbahnhofs Moabit, von dem die meisten Juden und Jüdinnen aus Berlin abtransportiert wurden, ist heute nach ihr benannt.

Straßenschild der Erna-Samuel-Straße in Berlin-Moabit
Straßenschild der Erna-Samuel-Straße in Berlin-Moabit

Walter war und ist Fan von Hertha BSC

Walter ist seit 1936 Fan der Fußballmannschaft Hertha BSC. Ende der 1930er Jahre besuchte er mit seinem Freund Rolf ein Heimspiel seiner Mannschaft im Stadion am Bahnhof Gesundbrunnen. Die Berliner Mannschaft um den Nationalspieler Hanne Sobeck zählte damals zu den besten im Deutschen Reich und wurde 1930 und 1931 Meister.

Der jüdische Mannschaftsarzt Hermann Horwitz hatte durch moderne Methoden wesentlich zum Erfolg beigetragen. 1933 wurde er allerdings aus dem Verein gedrängt, 1938 sogar offiziell ausgeschlossen. Er kam ins Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er 1940 ermordet wurde.

Walter (mit blau-weißem Schal) im Olympiastadion, 2018
Walter (mit blau-weißem Schal) im Olympiastadion, 2018

Heute setzen sich Verein und die Fans auch mit diesem Teil der Geschichte auseinander. So recherchierten sie zur Tätigkeit von Horwitz und zu seinem späteren Schicksal. Es gab in den letzten Jahren organisierte Reisen nach Auschwitz und zu anderen Orten nationalsozialistischer Verbrechen. Auch Walter wurde eingeladen, um mit Jugendlichen zu sprechen und ein Spiel seiner Mannschaft im Olympiastadion anzusehen.

Hier kannst du lesen, was der Verein Hertha BSC über Walter schreibt: https://www.herthabsc.com/de/nachrichten/2018/02/14223-eine-verbindung-furs-leben

Walter Frankenstein

* Geboren 30. Juni 1924 (Flatow)
Symbolbild Kapitel 1
© Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
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Walter mit seinen beiden älteren Brüdern, 1934
Walter mit seinen beiden älteren Brüdern Martin und Manfred 1934 in Flatow
© Jüdisches Museum Berlin, Schenkung Leonie und Walter Frankenstein
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Kolonialwarengeschäft Frankenstein, 1929
Das Kolonialwarengeschäft Frankenstein: Über dem Laden ist das Fenster, aus dem Walter den SA-Mann beobachtete.
© Jüdisches Museum Berlin, Schenkung Leonie und Walter Frankenstein
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Schild eines jüdischen Arztes, vermutlich 1939
Das Schild eines jüdischen Arztes, der nur noch jüdische Patient/-innen behandeln durfte, 1939
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe
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Gruppenbild vor dem Waisenhaus, 1937
Gruppenbild vor dem Auerbach'schen Waisenhaus, 1937: Walter steht ganz rechts mit seiner Kamera um den Hals.
© Jüdisches Museum Berlin, Schenkung Leonie und Walter Frankenstein
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Walter beim Hochsprung, etwa 1939 bis 1941
Walter beim Hochsprung auf dem Sportfest im Auerbach'schen Waisenhaus, etwa 1939 bis 1941
© Jüdisches Museum Berlin, Schenkung Leonie und Walter Frankenstein
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Symbolbild Kapitel 2
© Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
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Walter und seine Freunde im Auerbach'schen Waisenhaus, 1938
Walter (links) und seine Freunde im Auerbach'schen Waisenhaus, 1938: Neben ihm sitzt Rolf Rothschild, der wenig später nach Schweden auswanderte. Walter folgte ihm 1956 dorthin.
© Jüdisches Museum Berlin, Schenkung Leonie und Walter Frankenstein
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Passant/-innen am Morgen nach der Pogromnacht in Berlin, 1938
Passant/-innen schauen sich auf der Potsdamer Straße 26 in Berlin-Tiergarten die Schäden der beiden Geschäfte an, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstört wurden.
© Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin (bpk images)
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Leonie Kranz mit ihrem Stiefvater Theo, 1937
Leonie Kranz mit ihrem Stiefvater Theo in einem Leipziger Freibad. Das Foto wurde vier Jahre bevor sich Walter und Leonie kennengelernt haben aufgenommen.
© Jüdisches Museum Berlin, Schenkung Leonie und Walter Frankenstein
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Peter Edel: Wenn es ans Leben geht, Berlin 1979
Die beiden Bücher, in denen Peter Edel seine eigene Lebensgeschichte erzählt, Berlin 1979
© Gemeinfrei; Foto: Torsten Gareis
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In einer solchen Blechdose hat Walter seine Fotos 1942 vergraben.
In einer solchen Blechdose hat Walter seine Fotos 1942 vergraben.
© Gemeinfrei, Foto: Alf van Beem
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Symbolbild Kapitel 3
© Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
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Leonies Mutter Beate Kranz mit ihrem Ehemann Theo Kranz, 1941
Leonies Mutter Beate Kranz mit ihrem Ehemann Theo Kranz, 1941
© Jüdisches Museum Berlin, Schenkung Leonie und Walter Frankenstein
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Kennzeichnung der Häftlinge in den Konzentrationslagern
Kennzeichnung der Häftlinge in den Konzentrationslagern: In der vierten Spalte sind die lilafarbenen »Winkel« für die Zeugen Jehovas zu sehen.
© Arolsen Archives
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Edith Berlow half vielen Juden und Jüdinnen.
Edith Berlow half vielen Juden und Jüdinnen, darunter auch der Familie Frankenstein und Walters Cousin Kurt Hirschfeld, den sie später heiratete.
© Gedenkstätte Deutscher Widerstand
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Symbolbild Kapitel 4
© Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
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Chow-Chow
Ein Chow-Chow: Walter fütterte viele dieser Hunde und hat sie auch aus dem Feuer gerettet, als die Hundezucht von einer Bombe getroffen wurde.
© Gemeinfrei, Foto: Luizmo
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Autogrammkarte von Hans Söhnker
Autogrammkarte von Hans Söhnker: Auf Walters Initiative hin wurde Hans Söhnker 2018 als Gerechter unter den Völkern gewürdigt. Das ist eine Auszeichnung für nicht-jüdische Menschen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Juden und Jüdinnen zu retten.
© Gemeinfrei; Foto: Torsten Gareis
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Walters Notizbuch der Theater- und Opernbesuche 1944
In ein Heft trug Walter 1944 alle Theater- und Opernbesuche ein.
© Privatbesitz (verschollen), Reproduktion: Gedenkstätte Deutscher Widerstand.
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Stadtplan von Berlin, 1940
Stadtplan von Berlin, 1940, mit den Wohnorten (A-C) und den Verstecken von Walter (1-9)
© Pharus Verlag (www.pharus-plan.de), Bearbeitung: Torsten Gareis
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Bombenpass, 1944
Einen Bombenpass erhielten Menschen, die bei Luftangriffen ihre Wohnung verloren hatten. Dieser Pass ist aus Bielefeld. Die in Berlin ausgegebenen Pässe sahen möglicherweise anders aus.
© Gemeinfrei, CCWY-SA3.0
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Artikel zum 75. Jahrestag des Kriegsendes
Artikel zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in der Tageszeitung taz, Mai 2020
© Zeitungsseite: taz; Foto: Karsten Thielker
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Symbolbild Kapitel 5
© Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
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Walter, Leonie und die Kinder Michael und Uri 1949 in Tel Aviv
Walter, Leonie und die Kinder Michael und Uri 1949 in Tel Aviv
© Jüdisches Museum Berlin, Schenkung Leonie und Walter Frankenstein
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Walter Frankenstein am Erinnerungsort Auerbach'sches Waisenhaus
Walter Frankenstein am 26. Juni 2014 bei der Einweihung des Erinnerungsortes
© Foto: Risto Hurskainen
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Straßenschild der Erna-Samuel-Straße in Berlin-Moabit
Straßenschild der Erna-Samuel-Straße in Berlin-Moabit
© Torsten Gareis
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Walter (mit blau-weißem Schal) im Olympiastadion, 2018
Walter (mit blau-weißem Schal) im Olympiastadion, 2018
© Stefano Bazzano
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