Selmon (genannt Shlomo) wird am 25. September 1937 im niederländischen Eindhoven geboren. Seine Eltern, Abraham Bobbe und Marianne Lootsteen, sind beide Musiker – der Vater ist Geiger, die Mutter Klavierlehrerin. Das Familienleben ist bürgerlich, der Umgang miteinander liebevoll. Das Paar hat zwei Kinder: Shlomo und seine jüngere Schwester Esther (genannt Ethel), die 1939 zur Welt kommt.
Shlomos Familie ist sehr musikalisch
Shlomos Vater Abraham Bobbe wird 1907 in Den Haag geboren. Dessen Vater – Shlomos Opa – ist Schneider. Abraham wächst mit sieben Geschwistern auf. Bis auf ihn, seine Schwester Marie und seine Schwester Henny werden alle Familienmitglieder in den Vernichtungslagern Auschwitz und Sobibor ermordet.
Abrahams Vater ermöglicht seinem Sohn Geigenunterricht an der staatlichen Musikschule in Den Haag und schenkt ihm 1919 zum Geburtstag eine österreichische Geige.
Nach drei Jahren ist Abraham 1922 gezwungen, den Unterricht wegen der hohen Kosten abzubrechen. Während andere Schüler eine Gebührenbefreiung erhalten, lehnt die Musikschulleitung die Anfragen seines Vaters wiederholt ab. Der Großvater ermöglicht Abraham daraufhin Privatunterricht bei einem Lehrer mit günstigeren Honoraren, den Abraham weitere vier Jahre lang fortsetzt.
Später zieht Abraham nach Amsterdam. Er träumt von einer Karriere im berühmten Concertgebouw-Orchester. Doch ohne Abschlusszeugnis wird er dort nicht aufgenommen.
Shlomos Mutter Marianne wird ebenfalls 1907 geboren. Sie ist Klavierspielerin und Musiklehrerin. Auch sie zieht nach Amsterdam, um ihre musikalische Karriere voranzubringen. Dort lernt sie Abraham kennen. Die beiden verlieben sich und heiraten im Sommer 1936.
Im selben Jahr ziehen die Eltern in die Kleinstadt Eindhoven. Abraham arbeitet nun bei der Elektronikfirma Philips. Dort spielt er im Amateur-Orchester Geige. Marianne verdient Geld als Klavierlehrerin. 1937 wird Shlomo geboren, zwei Jahre später seine Schwester Ethel.
Das glückliche Familienleben gerät aus den Fugen
Am 10. Mai 1940 marschiert die deutsche Wehrmacht in die Niederlande ein. Die Invasion ist Teil des sogenannten Westfeldzugs im Zweiten Weltkrieg. Das Ziel ist, Frankreich, die Niederlande, Belgien und Luxemburg zu erobern. Die Armee der Niederlande kapituliert am 14. Mai 1940. Ab diesem Zeitpunkt beginnt die systematische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung.
»Im Süden der Niederlande, in der Stadt Eindhoven, wo meine Eltern lebten, war bis dahin noch nichts Großes passiert, aber allmählich machten sich Veränderungen auch im Leben dortiger Juden spürbar, und auch die schweren Nachrichten, die aus Amsterdam durchsickerten, erfüllten das junge Paar und den Rest der örtlichen jüdischen Gemeinde mit Angst. Man wies die Juden von Eindhoven an, gelbe Davidsterne zu tragen. Das genügte bereits, um zu verstehen, dass die Gefahr nahte. «
Im September 1941 findet in Eindhoven eine Volkszählung statt. Die deutschen Besatzer erfassen, wer jüdisch ist, und beginnen, Jüdinnen und Juden zu entrechten und ihr Eigentum zu beschlagnahmen. Die Familie Bobbe muss eine Witwe mit zwei Kindern bei sich aufnehmen, weil viele jüdische Familien ihre Wohnungen für Deutsche räumen müssen.
Shlomos Eltern entscheiden sich, ihre Kinder wegzugeben
Die Lage für Juden wird immer gefährlicher. Shlomos Eltern stehen vor einer schweren Entscheidung: Sie geben ihre Kinder weg, um sie zu retten.
Anfang 1942 bittet Marianne ihre Eltern in Bussum, einem Dorf im Norden der Niederlande, um Hilfe. Ihr Vater Alexander ist mit einem Fleischer befreundet, der Kontakt zur niederländischen Untergrundbewegung hat. Über diese Verbindung findet die Familie schließlich das Ehepaar Groen, das bereit ist, den kleinen Shlomo zu verstecken.
»An jeder Station wurden von den Nazis Dokumente kontrolliert, und die Eheleute Groen wollten, dass ich schlafe, damit ich nicht versehentlich etwas verriet und nicht befragt werden konnte. Ich schlief durch bis zu unserem Reiseziel. Ich glaube, dass das mir verabreichte Schlafmittel auch mein Erinnerungsvermögen beeinträchtigt hatte, da ich mich an nichts erinnern kann.«
Shlomos Alltag bei seiner neuen Familie
In Bussum erhält Shlomo eine neue Identität: Er heißt jetzt »Broer« (das bedeutet »Bruder«) und soll die Groens »Mama« und »Papa« nennen. Er wird in einer Kirche getauft, damit niemand merkt, dass er jüdisch ist. Mit der Zeit vergisst er seinen richtigen Namen und seine Familie.
Herr Groen ist selbständiger Maschinenbauingenieur. Frau Groen führt den Haushalt. Die beiden haben eine Tochter und einen Sohn. Die Tochter lebt schon nicht mehr im Haus, aber Shlomo lernt den Sohn Kok kennen, seinen »älteren Bruder«. Herr Groen und Kok sind in der niederländischen Untergrundbewegung aktiv.
Shlomos neues Leben ist von Einsamkeit, Angst und strengen Regeln geprägt. Sein Zimmer befindet sich im Dachgeschoss. Wenn Hausdurchsuchungen drohen, muss er sich in einem geheimen Hohlraum zwischen den Dachgiebeln verstecken. Er darf nur selten das Haus verlassen und manchmal heimlich im Garten spielen. Eine Nachbarin, Tinie Veenstra bringt ihm heimlich Lesen und Schreiben bei.
»Ich kann mich nicht erinnern, wie lange sie mir Unterricht gab, oder welche Fortschritte ich mit dem Lernen machte. Ich kann mich nur an eine einzige Begebenheit erinnern, als man mich in aller Eile über die Küche und den Garten aus dem Haus, in dem ich wohnte, in Tinies Haus brachte. Die Deutschen waren dabei, unser Haus zu durchsuchen, und ich wurde daher zu ihr hinübergeschleust, da ihr Haus bereits durchsucht worden war. Bei ihr zu Hause war es still, und ich konnte mich in ihrem Wohnzimmer frei bewegen. Plötzlich hörten wir ein lautes Klopfen an die Tür. Sie wurde von Panik ergriffen. Niemand kam sie jemals besuchen, und ihr wurde klar, dass es wieder die Deutschen waren.
Sie schmuggelte mich blitzschnell ins Schlafzimmer im zweiten Stock. ›Vorwärts, Broer, schnell, laufe schnell hoch, wir haben keine Zeit‹, spornte sie mich an und versteckte mich vollbekleidet unter der Bettdecke. Sie tröpfelte mir Wasser auf die Stirn und sagte: ›Broer, sei still! Du darfst nicht weinen, nicht reden, nichts machen – beweg dich einfach nicht!‹ Sie nahm einen Lippenstift und bedeckte mein Gesicht mit roten Punkten.
(Plötzlich) Deutlich hörte ich schwere Schritte, die die Treppe hochstiegen. Es war das Geräusch großer Stiefel. Ein deutscher Soldat betrat das Zimmer mit einem Gewehr. Sie schrie ihm auf Deutsch zu: ›Geh raus! Mein Sohn hat Röteln, es ist ansteckend, du kannst dich anstecken, geh weg von hier!‹ Der Deutsche reagierte mit Panik und floh von dort, ohne mich und das Haus zu kontrollieren, und so wurde mein Leben wie durch ein Wunder gerettet.«
»Ich akzeptierte die neue Wirklichkeit einfach so, wie sie war: Das sind meine Eltern. Alles Weitere hatte ich verdrängt. Ich hatte keine Ahnung, dass das Haus der Familie Groen letzten Endes nicht weit vom Haus meiner Großeltern mütterlicherseits gelegen war. Ich hatte ihre Existenz komplett vergessen. Ich war in eine andere Welt übergegangen.«
Gegen Ende des Krieges – im Winter 1944/45 – herrscht in den Niederlanden großer Hunger.
Die Deutschen stellen die Wasser- und Stromversorgung zeitweise ab. Doch Herr Groen versucht mit seinem Erfindungsreichtum, seine Familie zu versorgen. Er baut eine Handwasserpumpe im Garten und geht nachts illegal fischen.
»Daheim füllte er die Badewanne mit Wasser und ließ die Aale dort schwimmen, damit sie nicht verendeten, sondern uns für einige Tage als Nahrung dienten. […] Papa genügte das nicht. Er handelte mit Lebensmitteln auf dem Schwarzmarkt, knüpfte Beziehungen zu Landwirten, um Kartoffeln zu beschaffen, und brachte alles nach Hause, was er besorgen konnte.«
Kleine Aufgaben für die Untergrundbewegung
Shlomo ist etwa acht Jahre alt, als er kleine Aufgaben für die Untergrundbewegung übernimmt. Er wird Bote. Seine Aufgabe ist es, geheime Umschläge an unbekannte Personen zu überbringen.
Im Dachgeschoss versteckt Herr Groen ein Radio. Damit hört er heimlich Sendungen der englischen BBC und informiert sich über den Kriegsverlauf. Er merkt, dass immer mehr Bombenangriffe bevorstehen, und ermutigt die Nachbarn, Schutzgräben auszuheben.
»Ich rannte und versteckte mich in den Gräben, die wir angelegt hatten. Aber ich war ein neugieriger Junge und musste einfach noch einmal hinauskriechen, um die abstürzenden Flugzeuge und Bomben zu sehen, und wurde innerhalb von Sekunden durch ein Bombensplitter verletzt, die (in) meine beiden Beine (geflogen waren) getroffen hatten. Ich wurde verwundet und verlor das Bewusstsein.«
Endlich angstfrei
Am 5. Mai 1945 kapitulieren die deutschen Truppen in den Niederlanden. Shlomo erlebt, wie britische Flugzeuge Pakete mit Lebensmitteln abwerfen.
»Wir freuten uns und feierten das Ende des Krieges. Endlich konnte ich nach Lust und Laune und angstfrei im Garten spielen. Ich wurde nicht mehr in dem Hohlraum des Dachgeschosses versteckt. Ich konnte aufatmen.«
Shlomo genießt die neue Freiheit nach den Jahren der Angst. An einem Tag im Sommer verändert sich sein Leben erneut. Seine Pflegemutter ruft ihn ins Haus. Im Wohnzimmer sitzt ein fremder Mann. Er behauptet, Shlomos leiblicher Vater zu sein.Shlomo liebt seine Pflegeeltern sehr. Sie haben ihm während des Krieges das Leben gerettet und ihn wie ihren eigenen Sohn behandelt.
»Ich schaute sie völlig entgeistert an: ›Aber ich habe bereits einen Vater und eine Mutter, wie kann es sein, dass ich noch einen Vater habe?‹ Ich stand unter Schock, verstand nichts mehr.«
Der Vater bleibt zwei Tage bei ihm und versucht, ihm alles zu erklären. Doch Shlomo will es nicht glauben. Er wünscht sich nur, dass alles wieder so ist wie zuvor. Es wird noch schwerer für ihn, als der Vater nach drei Tagen, mit Ethel, Shlomos leiblicher Schwester, zurückkommt. Shlomo versteht nicht, dass er eine Schwester hat. Er war so lange allein, dass er sich nicht vorstellen kann, Teil einer größeren Familie zu sein.
Das Schicksal seiner Eltern im Holocaust
Über seine Mutter erfährt Shlomo zunächst fast nichts. Erst viel später hört er die ganze Wahrheit. Marianne Bobbe hat drei Jahre im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Kurz vor der Befreiung zwingen die Nazis die Gefangenen auf einen Todesmarsch. Marianne ist so geschwächt, dass sie nicht mehr mitgehen kann. Sie versteckt sich in einem Graben am Wegesrand. Dort findet sie eine tschechische Frau, die Marianne in ihren letzten Lebensmomenten bis zu ihrem Tod (8. Mai 1945) begleitet.
»Das überwältigende Gefühl des Versäumnisses überkommt mich jedes Mal, wenn ich über das Schicksal meiner Mutter nachdenke, die drei so schwere Jahre in einem Vernichtungslager überlebt hat, um am Ende, im letzten Moment, praktisch im letzten Augenblick vor der Befreiung, sich doch noch der Niedertracht der Deutschen geschlagen geben zu müssen.«
Er überlebt. Er ist in einem Arbeitslager in Wien eingesperrt und muss dort Züge für die Nazis bauen. Nach der Befreiung sucht er seine Familie. Als er erfährt, dass seine Frau tot ist, ist er tief erschüttert. Insgesamt sind über 160 Verwandte Opfer des Holocaust geworden. Trotzdem bemüht er sich mit aller Kraft, für seine Kinder weiterzuleben.
Sie überlebt versteckt bei Tante Henny, der Schwester von Shlomos Vater. Tante Henny ist mit einem italienischen Diplomaten verheiratet und lebt in Den Haag. Die Nazis entdecken jedoch, dass Henny Jüdin ist, und sperren sie zusammen mit der kleinen Ethel in das Gefängnis Scheveningen ein. Hennys Ehemann protestiert bei den Deutschen und verlangt als italienischer Diplomat ihre Freilassung – mit Erfolg. Henny und Ethel leben bis zum Kriegsende in Den Haag. Hennys Ehemann stirbt noch vor Kriegsende. Ethel ist damals so jung, dass sie sich später an diese Zeit kaum erinnern kann.
Rückkehr nach Hause
Nach dem Krieg kehrt der Vater mit Shlomo und Ethel nach Eindhoven zurück. Die Stadt, in der sie früher gelebt haben, ist durch alliierte Bombenangriffe auf die Philips-Werke stark zerstört. Auch viele Häuser liegen in Trümmern – das eigene Haus gehört den Bobbes nicht mehr, denn die Deutschen hatten es während des Krieges beschlagnahmt und eine andere Familie hatte sich dort niedergelassen. Eine jüdische Familie hilft dem Vater und nimmt ihn mit den Kindern zunächst bei sich auf.
»Er hat mir nie erzählt, was ihm während des Krieges widerfahren war. Er machte nicht die geringste Erwähnung meiner Mutter. […] Wie die meisten Holocaust-Überlebenden wollte mein Vater nur nach vorne schauen.«
Später ziehen sie in eine kleine Notunterkunft. Das Leben ist schwer: Es gibt wenig Essen, wenig Wärme und wenig Geborgenheit. Shlomos Vater heiratet erneut. Seine neue Frau heißt Betty und hat Auschwitz überlebt. Sie soll eine neue Mutter für die Kinder sein, doch Shlomo und Ethel vermissen ihre leibliche Mutter sehr.
Das Einzige, was Shlomos Vater aus der Zeit vor dem Krieg behalten hat, ist seine geliebte Geige. Bevor die Nazis ihn verhaften können, versteckt er sie bei einer Musikkollegin. Lange glaubt er, die Geige für immer verloren zu haben, bis sie eines Tages überraschend wieder auftaucht.
»›Selmon, Ethel, kommt und seht, was ich gefunden habe‹, ruft er uns zu. Begeistert und mit Tränen in den Augen öffnet er den Geigenkoffer mit zitternden Händen, entnimmt daraus die Geige und den Bogen und beginnt, die Saiten zu stimmen.«
Als der Vater nach dem Krieg zum ersten Mal wieder Geige spielt, kommen bei Shlomo Erinnerungen an die Zeit, bevor alles auseinandergerissen wurde, zurück.
Schule, Bar Mitzwa und Ausbildung
In den folgenden Jahren versucht die Familie, ein einigermaßen normales Leben aufzubauen. Shlomo geht zur Schule und beginnt langsam zu verstehen, was ihm in seiner Kindheit widerfahren ist. Einfach ist es nicht: Andere Kinder beschimpfen ihn manchmal als »dreckigen Juden«, und er fühlt sich als Außenseiter.
Mit 13 Jahren feiert Shlomo seine Bar Mitzwa. Zu seiner großen Freude kommt auch die Familie Groen zu diesem Fest. Die Menschen, die ihn versteckt und gerettet haben, bleiben ein wichtiger Teil seines Lebens.
Shlomos Jugend wird durch anhaltende Konflikte mit seiner Stiefmutter Betty und ständige Streitereien mit seinem Vater geprägt. Um der schwierigen Familiensituation zu entkommen, besucht er die Berufsschule der Firma Philips. Dort lernt er Metallbearbeitung und erhält anschließend eine Anstellung.
Schließlich steht er kurz davor, zur niederländischen Armee eingezogen zu werden. Das bereitet ihm und seinem Vater große Sorgen. Um den Militärdienst zu umgehen, schlägt der Vater ihm vor, für ein »Dienstjahr« nach Israel zu gehen. Shlomo sagt zu, ohne zu ahnen, wie sehr dieser Schritt sein Leben erneut verändern wird.
Als er die Niederlande 1956 verlässt, ist er noch nicht einmal 18 Jahre alt.
In Israel erlebt Shlomo zunächst einen Kulturschock. Nach einer abenteuerlichen Schiffsreise, überschattet vom Ausbruch des Suezkrieges, kommt er (in einem) im Kibbuz Usha an. Dort ist er unter harten Bedingungen in der Landwirtschaft tätig. Die Sprache ist neu, die Arbeit körperlich sehr anstrengend, und er fühlt sich häufig einsam und fremd.
Schließlich verlässt er den Kibbuz und findet in einer anderen Siedlung, Kfar Daniel, sowie später als Techniker in Beer-Scheva neue Möglichkeiten. Doch sein Visum läuft ab. Shlomo entscheidet sich zu bleiben. Er nimmt die israelische Staatsbürgerschaft an und wird zur Armee eingezogen, da in Israel Wehrdienst verpflichtend ist. Er wird Fallschirmjäger.
Nach einigen Jahren verlässt Shlomo die Armee. Er muss sich abermals ein neues Leben aufbauen und arbeitet mit seinen technischen Fähigkeiten in verschiedenen Jobs. Schließlich findet er eine feste Anstellung in einer Papierfabrik in Hadera.
Shlomo gründet eine eigene Familie
In Israel lernt Shlomo Zipora kennen, eine polnische Einwanderin, deren Familie den Holocaust ebenfalls überlebt hat. Es ist »Liebe auf den ersten Blick«. Trotz kultureller Unterschiede nimmt Ziporas Familie ihn herzlich auf. Zum ersten Mal seit Langem fühlt Shlomo echte Zugehörigkeit und familiäre Wärme.
Gemeinsam baut das Paar sich ein Leben auf und bekommt Kinder. Doch auch jetzt bleibt das Leben nicht ohne Schmerz. Shlomo muss den Krebstod seiner Schwester Ethel verkraften und selbst schwere gesundheitliche Krisen durchstehen. Trotzdem gibt er nicht auf.
Die Groens – Gerechte unter den Völkern
Erst als Erwachsener erfährt Shlomo ein wichtiges Geheimnis über seine Pflegemutter Elisabeth Groen: Sie hat selbst jüdische Wurzeln. Das ist ihm ein Leben lang nicht bekannt gewesen. Diese Entdeckung erklärt teilweise, warum die Familie Groen den außergewöhnlichen Mut aufgebracht hat, ein jüdisches Kind aufzunehmen und dabei selbst so große Risiken einzugehen.
Nach dem Krieg würdigt Shlomo die Tat seiner Retter. Er setzt sich dafür ein, dass Johannes und Elisabeth Groen als »Gerechte unter den Völkern« anerkannt werden, ein Titel der Gedenkstätte Yad Vashem für Nichtjuden, die unter großer Gefahr jüdisches Leben gerettet haben. Diese Anerkennung wird der Familie Groen schließlich zuteil.
Ein Leben in Erinnerung
Im Laufe seines Lebens arbeitet Shlomo seine Erfahrungen auf und erzählt seine Geschichte der jüngeren Generation. Im Ruhestand engagiert er sich ehrenamtlich und stellt sich dieser wichtigen Aufgabe. So sorgt er dafür, dass die Erinnerung an seine Eltern, an die Familie Groen und an die vielen Opfer des Holocaust nicht verloren geht.
Shlomo und Zippi haben drei Kinder, sieben Enkelkinder und zwei Urenkel.
Shlomos Engagement für andere Überlebende
Henoch und Esther Ackermann lebten mit ihrer Familie zehn Jahre in Israel. Während dieser Zeit wurden sie auf die schwierige Lebenssituation vieler Holocaust-Überlebender aufmerksam. Im Jahr 2014 begannen sie deshalb, in Hadera einen Hilfsdienst aufzubauen. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist bis heute die Renovierung von Wohnungen bedürftiger Überlebender.
Zu den ersten Kontakten gehörte die Begegnung mit Shlomo Bobbe. Revital Fux, Mitarbeiterin des Sozialamts in Hadera und dort für die Betreuung von Holocaust-Überlebenden zuständig, brachte damals Shlomo, Henoch und Esther zum ersten Mal zusammen.
Shlomo stellte sofort den Kontakt zu weiteren Holocaust-Überlebenden her, deren Wohnungen renoviert werden sollten, er begleitete zahlreiche Projekte und stand den freiwilligen Unterstützern mit seiner Erfahrung zur Seite. Das Haus von Shlomo und seiner Frau Zippi wurde für viele deutsche Freiwillige zu einem Ort der Begegnung. Nach gemeinsamen Arbeitseinsätzen kamen dort zahlreiche Besucherinnen und Besucher mit Shlomo ins Gespräch und hörten seine Lebensgeschichte.
Diese Begegnungen ermöglichten vielen jungen Menschen sowie Erwachsenen aus Deutschland, mit Überlebenden ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und Erinnerungen weiterzugeben. Für viele Freiwillige waren und sind diese Begegnungen bis heute von besonderer Bedeutung.
Esther und Henoch Ackermann wurden über die Jahre zu sehr engen Freunden von Shlomo und seiner Familie. Gemeinsam mit weiteren Unterstützern kommen sie immer wieder nach Hadera.