Czesława Kwoka oder kurz Czesia wurde am 15. August 1928 in einem kleinen Dorf namens Wólka Złojecka in Polen geboren. Zu dieser Zeit lebten dort circa 295 Einwohner polnischen und ukrainischen Ursprungs in 47 Häusern.
Unter der Adresse Wólka Złojecka Nr. 12 wohnte Czesława in einem Häuschen zusammen mit ihrer Mutter Katarzyna, die von Beruf Bäuerin war, wie fast 70 Prozent der Bevölkerung zu dieser Zeit. Ihr Vater Paweł verstarb bereits, als sie noch ein kleines Mädchen war. Von da an zog ihre Mutter Czesia alleine groß. Auch ihre Tante Ewa Smutniak lebte in diesem Dorf.
Was für ein Mensch war Czesława?
Über ihre Kindheit ist nicht viel bekannt. Wer waren ihre Freunde? Was hat sie gefühlt oder gedacht? Wo und was hat sie am liebsten gespielt? Fragen, die unbeantwortet bleiben werden.
Czesława besuchte eine Schule, die knapp vier Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt lag und zu der sie wohl zu Fuß gelangte. Sie wurde 1935 gegründet und 1942 aufgrund der »Aktion Zamość« geschlossen, da der ehemalige Direktor Jan Stanisławski, genauso wie Czesława, vertrieben und deportiert wurde. Heute ist sie wieder in Betrieb.
Bekannt ist, dass Czesława in einem römisch-katholischen Haushalt aufwuchs, wie die meisten Menschen in Polen. Wie gläubig ihre Eltern allerdings waren, ist nicht bekannt.
Als Hitlers Truppen am 1. September 1939 in Polen einfielen, begann der Zweite Weltkrieg. Am 17. September marschierte Stalins Rote Armee im Osten des Landes ein. Polen wurde zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion aufgeteilt. Czesławas Heimat wurde sowjetisch. Als die Wehrmacht im Juni 1941 jedoch die Sowjetunion überfiel, war ganz Polen deutsch besetzt. Wie sich Czesławas Leben während der beiden Besatzungsregime veränderte, ist unbekannt.
Was hatten die Deutschen mit Polen vor?
Die Deutschen nahmen sich, was sie wollten. Sie beschlagnahmten das polnische Staatseigentum und plünderten rücksichtslos Kulturgüter. Ende 1942 waren rund 90 Prozent polnischer Kunstwerke in den Händen der deutschen Besatzer. Zudem mussten Hunderttausende in Polen und im Deutschen Reich Zwangsarbeit verrichten.
Heinrich Himmlers Plan war es, die von Deutschland besetzten polnischen Gebiete zu »germanisieren«, also die einheimische Bevölkerung zu vertreiben und Siedlungsraum für Deutsche zu schaffen. Ein Beispiel ist die »Aktion Zamość«.
Was genau geschah dann?
Die Aktion wurde von der Umwandererzentralstelle (UWZ) mit Sitz in Posen (Poznań) durchgeführt.Einheiten der Ordnungspolizei, der SS sowie örtliche Garnisonen der Luftwaffe und der Wehrmacht trieben die Bevölkerung bestimmter Gebiete zusammen. Jeder durfte nur Handgepäck zusammenpacken und ungefähr 20 Złoty mitnehmen, bevor es in ein Sammellager ging.
Bis August 1943 wurden über 110.000 Menschen aus 300 Dörfern aus ihren Häusern vertrieben. Doch die Bevölkerung wehrte sich massiv: Viele flohen, andere gingen zu den Partisanen. Die bewaffneten Gruppen der Widerstandsbewegung lieferten sich mit Polizeikommandos Gefechte und überfielen deutsche Ansiedler. Die polnischen Kämpfer erlitten hohe Verluste.
Aus dem Leben gerissen
In der Nacht vom 27. auf den 28. November 1942 war Czesławas Dorf an der Reihe. Die Einheimischen von Wólka Złojecka wurden mitten in der Nacht aus ihren Betten gerissen. Man befahl ihnen, nur das Nötigste zusammenzupacken.
Czesława und ihre Mutter Katarzyna wurden zusammen mit anderen Dorfbewohnern zum Umsiedlungslager Zamość transportiert. Die Umwandererzentralstelle stufte die Kwokas in die vierte von vier rassischen Wertungsklassen ein:
– Die Menschen der ersten beiden Gruppen hatten eine Chance auf eine »Wiedereindeutschung«.
– Zu der dritten Gruppe zählten Personen zwischen 14 und 60 Jahren, die für Zwangsarbeit in Deutschland bestimmt waren.
– Menschen der vierten Gruppe galten als »kriminell« oder »asozial« und kamen direkt nach Auschwitz.
Czesława und ihre Mutter Katarzyna wurden zusammen mit 318 anderen Frauen nach Auschwitz transportiert.
Ein Mann, der viele Gesichter gesehen hat
Wilhelm Brasse wurde als Häftling vier Jahre lang von der SS gezwungen, als Lagerfotograf zu arbeiten. Seine Hauptaufgabe war es, die ankommenden Häftlinge für die Lagerkartei zu abzulichten. In diesem Zeitraum fotografierte er insgesamt 40.000 bis 50.000 Personen. Er verstarb im Jahr 2012.
Wilhelm Brasse erinnert sich an den 13. Dezember 1942. Der Tag, an dem er Czesława Kwoka gegenüberstand, um sie zu fotografieren. Ein weiblicher Kapo brachte eine Gruppe von Frauen, darunter Czesława und Katarzyna, zum Fotoatelier, in dem Wilhelm Brasse arbeitete. Sie hatten zuvor schon Nummern erhalten, die nun nacheinander vom Kapo aufgerufen wurden. Sie sollten vortreten, um sich fotografieren zu lassen. Als Czesława an der Reihe war, verstand sie die Befehle der Wärterin nicht. Denn sie sprach nur polnisch. Eine verärgerte Aufseherin schlug Czesława deshalb mit einem Stock ins Gesicht. Ihre Lippen sprangen auf, was auf den Fotos, die Wilhelm Brasse daraufhin von ihr aufnahm, zu erkennen ist.
Czesława erhielt die Nummer 26947. Ihre Mutter wurde unter 26946 erfasst. Auf der gestreiften Häftlingskleidung der beiden wurden jeweils ein roter Winkel für »politischer Gefangener« und ein schwarzes, großes P für Pole aufgenäht.
Drei Monate Horror
Czesława lebte nur knapp ein Vierteljahr in Auschwitz, bis sie am 12. März 1943 starb. Auf der Sterbeurkunde der SS, die zehn Tage später ausgestellt wurde, steht, dass sie an »Kachexie bei Darmkatarrh«, also starker Abmagerung durch eine Magen-Darm-Entzündung, verstarb. Die Todesursache ist jedoch nicht verlässlich belegt. Die Angaben in den SS-Dokumenten wurden in vielen Fällen nachträglich ausgestellt, um die tatsächlichen Todesumstände zu verschleiern.
Czesławas Mutter Katarzyna verstarb vier Wochen vor ihrer Tochter. Die Todesursache ist unbekannt.
Sieben Jahre nach ihrem Tod wurde Czesława von ihrer Tante Ewa Smutniak gesucht. Sie wusste allerdings nicht über das Schicksal ihrer Nichte Bescheid, als sie im Februar 1950 einen Antrag beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen stellte.
Czesława in den sozialen Medien
Auch über 70 Jahre nach ihrem Tod bewegt Czesława viele Menschen. Eine brasilianische Künstlerin namens Marina Amaral kolorierte im Jahr 2018 Czesławas drei Portraitfotos und veröffentlichte sie. Diese kolorierten Aufnahmen wurden in den sozialen Medien dreimal so oft gelikt wie die Originalaufnahmen.
Unvergessen
Czesławas Lebensgeschichte wird niemals in Vergessenheit geraten, denn ihre Fotografien sind Teil der Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Dorthin kommen jährlich fast zwei Millionen Besucher und Besucherinnen aus aller Welt.